Transformation – Begriff, Ereignis, Deutungen, Vermittlung
Autorin: Dr. Anna Lux (Universität Freiburg) unter Mitarbeit von Florian Hellberg (Landesbildungsserver Baden-Württemberg)
Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 2 befassen sich in 12.1 sowohl im Basis- als auch im Leistungsfach Geschichte mit der „Transformationsgesellschaft“ respektive der „Transformation der ehemaligen Ostblockstaaten am Beispiel Ostdeutschlands und der früheren Sowjetunion“. Der sich anschließende Darstellungstext aus der Feder der Zeithistorikerin Dr. Anna Lux (Universität Freiburg) wird auch als Arbeitsblatt [zip 0,1 MB] (ohne weiterführende Literaturhinweise) zum Einsatz im Geschichtsunterricht zur Verfügung gestellt.
Transformation als Begriff
Was unter Transformation gefasst wird, ist nicht immer eindeutig und abhängig vom Untersuchungs(zeit)raum und der Disziplin. Grundsätzlich meint der Begriff Veränderung, im Gegensatz zu Stabilität oder Kontinuität, und zugleich Prozess, also nicht eine kurzfristig bedingte Zäsur. Transformation meint einen fundamentalen und dauerhaften Veränderungsprozess, der auf verschiedenen Ebenen über einen längeren Zeitraum stattfindet. Für die Zeitgeschichte mit Blick auf die Veränderungen nach 1989/90 hat der Historiker Marcus Böick folgende Definition vorgeschlagen. Nach ihm meint Transformation „die gesellschaftlichen Wandlungen, individuellen Brüche sowie politischen Bearbeitungen und ideellen Suchbewegungen im postsozialistischen Ostdeutschland, in Osteuropa sowie Europa insgesamt.“ (Böick 2020, S.7f.) Ein auf diese Weise inhaltlich wie zeitlich weit gefasster Transformationsbegriff versteht die Veränderung nicht ausschließlich als Fortschritt und Aufbruch, sondern fasst auch Ambivalenzen und Widersprüche. Er umfasst mithin Erfolge und Krisen, schaut auf Strukturen und Erfahrungen, schärft den Blick für Kontinuitäten und Brüche und berücksichtigt sowohl kurz-, mittel- als auch langfristige Veränderungen als auch Besonderheiten, Ähnlichkeiten und Zusammenhänge.
Transformation als historisches Ereignis
Verstehen wir Transformation dieserart als einen komplexen Wandlungsprozess in den postsozialistischen Staaten, kommen sehr unterschiedliche historische Räume in den Blick. Insgesamt bezieht sich die Transformation auf über 30 Staaten bzw. Teilrepubliken, die nach dem Ende des Kalten Krieges neu entstanden oder weiterbestanden, darunter so unterschiedliche Länder wie Albanien, Bulgarien, Estland, Polen, Kosovo, Georgien, Ungarn, die Ukraine, Russland sowie das wiedervereinigte Deutschland. Die Transformationsprozesse weisen jeweils Ähnlichkeiten auf (der Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft, vom Staatssozialismus zu Formen der parlamentarischen Demokratie) und eine Reihe von Unterschieden. So erfolgte die wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation in den baltischen Ländern bspw. parallel und in Folge ihrer politischen Unabhängigkeit.
Der Beitritt der DDR zum Gebiet der Bundesrepublik im Zuge der deutschen Einheit ist insofern ein „Sonderfall“, da hier generelle Transformationsprozesse vor dem Hintergrund der deutschen Teilung und ihrer Überwindung stattfanden. Der Umbau der DDR nach 1990 erfolgte nach dem Vorbild der Bundesrepublik auf allen Ebenen, in Politik, Verwaltung, Bildungswesen, Wirtschaft, Rechtssystem etc. Aufgrund der gemeinsamen Sprache und einer starken, wenn auch unterschiedlich gelagerten Bezogenheit der beiden deutschen Staaten aufeinander, fanden im vereinten Deutschland in besonderem Maße direkte Austauschprozesse statt. So war der schnelle Wirtschaftsumbau und die damit verbundenen Probleme (Deindustrialisierung, Arbeitslosigkeit, Peripherisierung) geprägt von einer spezifischen deutsch-deutschen Konkurrenzsituation, zugleich war er weit stärker sozial abgefedert als in den anderen postsozialistischen Ländern. Ein Elitentransfer (Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft) erfolgte nahezu ausschließlich von West nach Ost, Arbeitsmigration und Abwanderung hingegen massiv von Ost nach West. Diese Prozesse hatten strukturelle Folgen, die bis heute die „Wiedervereinigungsgesellschaft“ (Großbölting 2019) prägen (demografischer Wandel, ungleicher Anteil an Vermögen und in Führungspositionen).
Die skizzierten Entwicklungen werden unterschieden in eine „heiße“ Phase in den (frühen) 1990er-Jahren und die Einbettung dieser Phase in längere Wandlungsprozesse. Wegmarken der kurzen Phase sind die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juli 1990, das Wirken der Treuhand-Anstalt, die Proteste der Kalikumpel in Bischofferode 1993 und das Ende der Kanzlerschaft von Helmut Kohl 1998. In einer „langen Geschichte der ‚Wende’“ (Brückweh u.a. 2020) wird die Transformation in Osteuropa eingebunden in längerfristige Veränderungsprozesse. Diese reichen von den 1970er-Jahren, nach dem Wirtschaftsboom (markiert durch die Ölkrise 1973) sowie im Zuge des Legitimitätsverlusts des Staatssozialismus, über Wandlungsprozesse, verbunden mit Schlagworten wie Globalisierung, Digitalisierung und Neoliberalismus, bis in die 2000er-Jahre.
Deutungen von Transformation
Die Transformationsprozesse in Ostdeutschland wurden bereits früh wissenschaftlich begleitet, zunächst vor allem durch die Sozial- Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Leitgedanke war die Modernisierungstheorie und die Annahme, dass der Anpassungsprozess ein Aufholprozess ist, der zu mehr Wohlstand, individueller Freiheit und Zufriedenheit führt, zu „blühenden Landschaften“ und einem Ankommen im Westen. Doch schon in den frühen 1990er-Jahren zeigten sich massive gesellschaftliche Konflikte beim „Aufbau Ost“ und starke strukturelle und kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West. Offensichtlich war die Transformation in Ostdeutschland weit widersprüchlicher als angenommen. Die Widersprüche und Ambivalenzen kamen erst in den 2010er-Jahren durch Forschung in den Blick, die stärker nach Alltag, Lebenswelt und Erfahrungen fragte. Zum Vorschein kam das Nebeneinander von Einheitserfolgen und Scheitern, von Gewinnen und Verlusten, von Hoffnungen und Enttäuschungen, von Ankommen im neuen System und Entfremdung von diesem (vgl. Mau 2019).
Die erfahrungsgeschichtliche Perspektive eröffnete den Zugang zu unterschiedlichen Erfahrungsräumen im Osten (vgl. Ganzenmüller 2025). Denn es macht einen Unterschied, ob man die Transformationsprozesse in Städten wie Berlin, Leipzig oder Jena erlebte oder auf dem von Abwanderung geprägten Land. Auch Geschlecht, soziale Herkunft, Alter spielen eine Rolle. Parallel zu dieser Multiperspektivität in der Forschung gibt es in der öffentlichen Debatte eine starke (Re)Polarisierung in der Auseinandersetzung mit Ostdeutschland. Diese hängt wesentlich damit zusammen, dass das (aktuelle) öffentliche Interesse am Osten mit den politischen Erfolgen der „Alternative für Deutschland“ seit 2014/15 einherging. Obwohl der Rechtspopulismus auch in Baden-Württemberg, Bayern oder im Ruhrgebiet zunimmt, wird das Thema vor allem als ostdeutsches wahrgenommen, was neue und alte Stereotype, Abgrenzungen und Polarisierungen provoziert.
Transformation vermitteln
Ein Ort, an dem eine produktive Auseinandersetzung mit der Transformationszeit stattfindet, ist populäre Geschichtskultur. Romane, Spielfilme, Graphic Novels und Songs eignen sich auf besondere Weise, um eine Geschichte der Vielen zu erzählen. Erzählungen von Erfolg, Verlust und Krise stehen hier nebeneinander und geben Einblicke in komplexe Zusammenhänge, vielfältige Erfahrungen und vielstimmige Erinnerungen (vgl. Lux/Brückner 2025). Sie eröffnen zudem Brücken zum Verstehen der ostdeutschen Transformationsprozesse als Teil einer gesamtdeutschen und europäischen Geschichte (vgl. Hoffmann/Brunnbauer 2020).
Einen Überblick über das weite Feld der populären Geschichtskultur gibt die Website 89goesPop [89 goes Pop]. Anregungen für die Arbeit zum Thema mit Songs bietet das Projekt „89rockt! Geschichte hören und verstehen“.
Über Herausforderungen und Möglichkeiten bei der Vermittlung von DDR- und Transformationsgeschichte in (außer)schulischen Kontexten informieren zudem die Beiträge im Praxisbuch von Schwarz/Leistner (2024).
Verwendete Literatur
Böick, Marcus, Die Erforschung der Transformation Ostdeutschlands seit 1989/90. Ansätze, Voraussetzungen, Wandel, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 18. 10. 2022, online abrufbar unter: http://docupedia.de/zg/Boe ick_transformation_v1_de_2022 [Docupedia-Zeitgeschichte, letzter Zugriff: 25.03.2025].
Brückweh, Kerstin/Villinger, Clemens/Zöller, Kathrin (Hrsg.), Die lange Geschichte der „Wende“. Geschichtswissenschaft im Dialog, Berlin 2020.
Ganzenmüller, Jörg (Hrsg.), Transformationserfahrungen. Lebensweltliche Umbrüche in Osteuropa seit 1990, Köln 2025.
Großbölting, Thomas, Wiedervereinigungsgesellschaft. Aufbruch und Entgrenzung in Deutschland seit 1989/90, Bonn 2020.
Hoffmann, Dierk/Brunnbauer, Ulf (Hrsg.), Transformation als soziale Praxis. Mitteleuropa seit den 1970er Jahren, Berlin 2020.
Lux, Anna/Brückner, Jonas, Neon/Grau. 1989 und ostdeutsche Erfahrungsräume im Pop, Berlin 2025.
Lux, Anna/Leistner, Alexander, „Letztes Jahr Titanic“. Untergegangene Zukünfte in der ostdeutschen Zusammenbruchsgesellschaft seit 1989/90, in: Historische Anthropologie 29/1 (2021), S. 98–124.
Mau, Stefffen, Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Frankfurt am Main 2019.
Schwarz, Christina / Leistner, Alexander (Hrsg.), Past – Present – Progressive. Praxisbuch zur DDR und Nachwendezeit in der außerschulischen Bildung, Weinheim/Basel 2024.
89rockt! Geschichte hören und verstehen [89 goes Pop, letzter Zugriff am 25.03.2025]
89goesPop [89 goes Pop, letzter Zugriff am 25.03.2025]
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